Drogenkonsum unter Jugendlichen wieder auf Vor-Corona-Niveau

Pressemitteilung des Drogenreferats der Stadt Frankfurt am Main vom 10.1.2023

Gesundheitsdezernent Stefan Majer stellt Ergebnisse der Frankfurter Schulbefragung MoSyD 2021/22 vor
Im zweiten Coronajahr haben Frankfurter Schülerinnen wieder mehr Alkohol getrunken, mehr Zigaretten geraucht und mehr Cannabis konsumiert als im Vorjahr. Dies hat die jüngste, repräsentative Drogentrendstudie „Monitoring-System Drogentrends“ (MoSyD) ergeben, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Centre for Drug Research der Goethe-Universität jährlich erheben. Das Drogenreferat fördert die Studie seit 2002 – und damit nun schon zum 20. Mal. Gut ein Drittel (36 %) der Jugendlichen gab an, im Vormonat der Befragung weder legale noch illegale Drogen konsumiert zu haben. Die Abstinenzquote liegt damit zwar immer noch auf einem vergleichsweise hohen Niveau, der Höchstwert von 45 % aus dem Vorjahr ist jedoch weit entfernt.
Jugendliche konsumieren mehr Alkohol und Cannabis
„Die Studie hat die Vermutung bestätigt, dass Jugendliche wieder mehr Alkohol oder Cannabis konsumieren, sobald Corona-Schutzmaßnahmen wegfallen und sich wieder mehr Gelegenheiten zum Feiern und Freunde treffen bieten“, kommentiert Gesundheitsdezernent Stefan Majer die eben veröffentlichten Daten.
Auch Dr. Bernd Werse, Leiter des Centre for Drug Research, deutet die steigenden Konsumzahlen bei legalen und illegalen Drogen als sogenanntes „Corona-V“. „Insbesondere der Konsum von Alkohol und Cannabis scheint bei Jugendlichen besonders stark an gemeinsame Gelegenheiten geknüpft zu sein – die Konsumraten stiegen jedenfalls nach der Zeit der Kontaktbeschränkungen besonders deutlich an.“ Aber auch andere psychoaktive Substanzen sind wieder mehr konsumiert worden. „Die nächsten Jahre werden zeigen, welche Rolle die Pandemie für die Prävalenzraten tatsächlich gespielt hat, zumal der Konsumtrend gerade bei legalen Drogen schon vor Corona stark rückläufig war.“
Drogenreferat erarbeitet abgestimmte Alkohol-Strategie für Frankfurt
51 Prozent der Jugendlichen haben angegeben, in den vergangenen 30 Tagen Alkohol getrunken zu haben und 36 Prozent gaben an, in diesem Zeitraum mindestens einmal betrunken gewesen zu sein. Beide Werte entsprechen exakt den Daten von 2019, dem Jahr vor Corona. Der seit einigen Jahren zu beobachtende rückläufige Trend beim Alkoholkonsum hat sich in der aktuellen Erhebung nicht fortgesetzt: „Das heißt: Alkohol bleibt die Lieblingsdroge und auch die meist diskutierte Droge von Jugendlichen“, sagt Dr. Artur Schroers. Dies zeige sich auch darin, dass die Angebote zur Alkoholsuchtprävention und Frühintervention stärker nachgefragt werden.
Schroers kündigt eine abgestimmte Alkoholstrategie an, die verschiedene Handlungsfelder berücksichtigt und einem „Policy Mix“ aus Verhaltens- und Verhältnisprävention gerecht wird: „Im Moment erarbeiten wir die Eckpunkte dieser Strategie. Bis Ende des Frühjahrs wollen wir soweit sein und alle notwendigen Akteure ins Boot holen.“
Drogenreferat startet Befragung zum Thema Cannabis in der Stadt
Auch Cannabis steht angesichts der Debatte um eine kontrollierte Abgabe von Cannabis zu Genusszwecken an Erwachsene besonders im Fokus der Präventionsarbeit: In wenigen Tagen startet
das Drogenreferat eine Bürger:innen-Befragung zum Thema Cannabis, kündigt Artur Schroers an. Ziel ist, dass in Frankfurt alle Informations- und Hilfeangebote organisiert und bereitgestellt werden, die Bürgerinnen und Bürger zu dem Thema wünschen und benötigen.
Bei der Schüler:innenbefragung 2021 gaben 17 Prozent an, in den vergangenen 30 Tagen mindestens einmal Cannabis konsumiert zu haben, sechs Prozent sagten, sie haben dies mehr als zehnmal getan. Auch diese Werte entsprechen in etwa den Angaben von 2019. Im Coronajahr 2020 war die 30-Tages-Prävalenz auf 15 Prozent zurückgegangen.
E-Zigaretten weiter im Trend
Klassische Zigaretten haben nach dem Tiefstand im Jahr 2020 wieder an Beliebtheit zugelegt. 12 % der Befragten und damit drei Prozentpunkte mehr als Im Vorjahr gaben an, täglich zu rauchen. Die Verbreitung von E-Zigaretten bzw. E-Shishas ist in der jüngsten Befragung ebenfalls deutlich gestiegen. 7 % der Befragten „dampfen“ täglich. Damit sind E-Produkte auch bei Jugendlichen angekommen, der aktuelle Konsum von insbesondere nikotinhaltigen Erzeugnissen steigt. Gesundheitsdezernent Stefan Majer macht dafür auch die Werbung verantwortlich, die sich gezielt an Jugendliche wendet: „Ich hoffe sehr, dass die Tabaksteueranhebungen und die beschlossenen Werbeverbote für Außenwerbung bald Wirkung zeigen.“
Rausch aus der Sahnekartusche – Lachgas im Trend
Für die Forschenden überraschend war die deutliche Zunahme von Lachgas-Konsum im Jahr 2021. Nach mehreren Jahren Rückgang verzeichneten sie einen plötzlichen Anstieg der Konsumerfahrung von 7 % auf 13 %; auch die 30-Tages-Prävalenz ist deutlich auf 5% angewachsen – von weniger als 1%. Frankfurter Bürger*innen sehen das Phänomen auch im Stadtbild: Leere Sahnekartuschen, aus denen die legal in Supermärkten und Kiosken erhältliche Substanz inhaliert wird, liegen vermehrt als Müll in Parks und auf der Straße.
Kokain beliebteste illegale Partydroge
Kokain ist wie in beiden Vorjahren die wichtigste „Partydroge“ in Szenen mit elektronischer Musik, auch wenn die Verbreitung in Ausgehszenen erstmals seit 2016 nicht größer geworden ist. An der Verbreitung werktäglichen Kokaingebrauchs in Ausgehszenen hat sich wenig geändert. Für den Leiter des Drogenreferats ist es wichtig, Jugendliche möglichst frühzeitig mit Präventionsangeboten zu erreichen und alles in den Blick zu nehmen, was in Partyszenen stattfindet. Das Projekt „Safe Party People“ und die Prävention- und Aufklärungsarbeit, die der Träger Basis – Beratung, Arbeit, Jugend & Kultur e. V., in den Ausgehszenen leistet, nennt Schroers „außerordentlich wichtig“.
Drug Checking wäre aus seiner Sicht ein wichtiges Angebot, für das endlich auch in Deutschland die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen werden sollten, sagt Schroers: „Das ist ein echtes Herzensprojekt von mir, weil es ein effektives und wichtiges Instrument für den Gesundheitsschutz ist. In Österreich oder in der Schweiz können Partygänger ganz niedrigschwellig vor Ort testen lassen, was in den Substanzen ist, die sie konsumieren wollen.
Zunahme psychischer Probleme
Erkennbar mehr Jugendliche klagen seit Beginn der Pandemie über psychische Probleme: 2021 gaben 24 % der 15- bis 18-Jährigen an, dass sie in den vergangenen 12 Monaten unter nennenswerten
psychischen Problemen gelitten haben (2020: 22 %). Am häufigsten wurden dabei depressive Verstimmungen und Depressionen genannt; daneben sind auch Panikattacken, Angststörungen und Essstörungen bei Teilen der Befragten verbreitet. Schülerinnen und insbesondere ‚diverse‘ (z. B. nicht-binäre) Befragte geben weitaus häufiger psychische Probleme an als Schüler. „Die Pandemie hat manche Jugendliche und jungen Erwachsenen hart getroffen. Mit dem stadtweiten Aktionsplan gegen Coronafolgen und einer stärkeren Verzahnung und Weiterentwicklung der vielfältigen, präventiven Angebote versuchen wir dem entgegenzuwirken“, so Gesundheitsdezernent Stefan Majer.
Mehr Jugendliche beteiligt
Die Befragungen liefen zwischen November 2021 und April 2022. 1413 Personen ab 15 Jahren haben an der Studie teilgenommen. Damit wurden wieder mehr Jugendliche als unter den Corona-Bedingungen im Vorjahr erreicht. „Die Ergebnisse sind damit repräsentativ. Sie zeigen im Vergleich mit anderen Großstädten Deutschlands eher geringe Unterschiede“, betont Dr. Werse. 19 allgemein- und berufsbildende Schulen mit 79 Klassen haben sich an der Studie beteiligt. Das Durchschnittsalter der Hauptstichprobe (15 bis 18 Jahre) lag bei 16,7 Jahren, 81 % der Befragten wohnten in Frankfurt.
Die gesamte Studie mit allen detaillierten Daten und Fakten sowie die Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse können Sie unter www.drogenreferat.stadt-frankfurt.de herunterladen
In gedruckter Form können Studie sowie die Zusammenfassung über drogenreferat@stadt-frankfurt.de bestellt werden.

Für Rückfragen:
Drogenreferat der Stadt Frankfurt: Telefon 069-212-30124; Email: drogenreferat@stadt-frankfurt.de
Bernd Werse, Centre for Drug Research: Telefon: 069-798-36386; Email: werse@em.uni-frankfurt.de

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